Literarisches Adventsrätsel

Mit dem 1. Dezember wir eröffnen unser alljährliches Literarisches Adventsrätsel. Dieses Jahr heißt unser Thema: Aus Memoiren und autobiografischen Büchern. Gewonnen werden kann – in der Regel ein Buch – jeden Tag (außer am Sonntag, da ruht auch das Rätsel) und auch eine Gesamtwertung gibt es (die natürlich auch gewonnen werden kann). Das Motto bleibt indes gleich: Mitmachen und Mitlesen gehen über Wissen und Nichtwissen (und Gewinnen).

Die Fragen finden sich – digital – täglich auf der Homepage und – papieral – im Laden. Beantwortet werden können sie auf allen bei uns ankommenden Wegen.

13. Dezember, Frage 11

Welcher russische Schriftsteller sieht seinen Vater hier in die Luft steigen?

„Von meinem Platz am Tisch aus konnte ich plötzlich in einem der Westfenster einen wunderbaren Fall von Levitation erleben. Für einen Augenblick war dort die Gestalt meines Vaters in seinem windgekräuselten weissen Sommeranzug zu sehen, prächtig mitten in der Luft ausgebreitet, die Glieder in einer seltsam lässigen Haltung, seine wohlgestalten, unerschütterlichen Gesichtszüge dem Himmel zugewandt. Dreimal flog er solchermassen zum mächtigen Hauruck seiner unsichtbaren Werfer in die Höhe, beim zweiten ging es höher als beim ersten, und dann, bei seinem letzten, luftigsten Flug, lehnte er sich wie für alle Zeiten gegen das Kobaltblau des Sommermittags, einem jener paradiesischen Wesen gleich, die mit dem ganzen Faltenreichtum ihrer Gewänder mühelos am Deckengewölbe einer Kirche schweben...“

a) Vladimir Nabokov in: Erinnerung, sprich
b) Iwan Turgenjew in: Väter und Söhne
c) Iwan Bunin in: Verflogene Tage

 

12. Dezember, Frage 10

Wer blickt hier auf seine ersten „anderthalb“ Lebensjahrzehnte zurück?

„Meine ersten Jahre, die ersten anderthalb Jahrzehnte, dort drüben, da hinten […]. Als hätte man sie im Hinterzimmer einer riesengroßen, rastlos stampfenden Mühle verbracht, die Ideen und Gefühle und noch die leisesten Regungen zerschrotete und Menschen verbrauchte, in maßloser Menge, ganze Städte, Landstriche, Provinen und Länder wurden zu Schutt und Erinnerung, während man selber Lesen und Schreiben lernte und die Sonne aufgehen und hinter dem Horizont wieder versinken sah. Zitternde Bilder, zitternder Boden. Wirkt und wühlt in uns weiter, wirst sehen.“

a) Horst Bienek in: Birken und Hochöfen. Eine Kindheit in Oberschlesien
b) Guntram Vesper in: Frohburg
c) Jürgen Becker in: Graugänse über Hochöfen

 

11. Dezember, Frage 9

Welcher Schriftsteller beschreibt hier ein eigentümliches Familienmahl?

„...ein schon fertiger Schweinebraten schmort eigentlich im Ofen für das Mittagessen am folgenden Tag, einem Sonntag, aber abends auf dem Balkon der Ferienwohnung bei Rotwein und Zigaretten kommt plötzlich ein allgemeiner Heißhunger nach dem Braten auf, ausgelöst durch seine Düfte aus dem Ofen. Zuerst heißt es noch: Jeder ein kleines Stück, nur zum Probieren, dann aber fallen alle über den Braten her. Die im Grunde aufgelöste, lediglich befristete Familie wird zur Fressgemeinschaft um den runden Tisch, in seiner Mitte das Fleisch auf einem Brett, vier, die mit Fingern essen und nichts von dem Braten übrig lassen, die dazu Rotwein, Bier und Cola trinken und versonnen zu den Sternen schauen. Sie sprechen über das Universum und die Ewigkeit, sie sprechen über die Schöpfung und den Sinn des Lebens und schlafen am Ende als gesättigte, gesegnete Familie ein.“

a) Paul Kirchhof in: Die Erneuerung der Essgemeinschaft – eine lösbare Aufgabe
b) Bodo: Kirchhoff in: Dämmer und Aufruhr
c) Hervé Le Tellier in: All die glücklichen Familien

 

10. Dezember, Frage 8

Welche nordeuropäische Schriftstellerin charakterisiert hier ihre „Kindheitserinnerungen“?

„Fragt mich aber jemand nach meinen Kindheitserinnerungen, dann gilt mein erster Gedanke trotz allem nicht den Menschen, sondern der Natur. Sie umschloss alle meine Tage und erfüllte sie so intensiv, dass man es als Erwachsener gar nicht mehr fassen kann. Der Steinhaufen, wo die Walderdbeeren wuchsen, die Leberblümchenstellen, die Schlüsselblumenwiesen, die Blaubeerplätze, der Wald mit den rosa Erdglöckchen im Moos, das Gehölz [ … ], wo wir jeden Pfad und jeden Stein kannten, der Fluss mit den Seerosen, die Gräben, Bäche und Bäume, an all das erinnere ich mich besser als an die Menschen.“

a) Franziska von Reventlow in: Selma Olestjerne
b) Selma Lagerlöf in: Marbacka. Erinnerung an meine Kindheit
c) Astrid Lindgren in: Das entschwundene Land

 

8. Dezember, Frage 7

Welcher deutschsprachige Schriftsteller hat in Amerika Folgendes einzuräumen?

„Ich habe es in der Kunst des Ansprechens nie so weit gebracht wie mein Freund Jörn. Aber als ich Jahrzehnte später eine Gastprofessur in Stanford antrat und unter den ethischen Verhaltensregeln auf das dick gedruckte Hauptverbrechen namens <unwanted approach> hingewiesen wurde, gestand ich meinem Chairman, ich hätte alle Frauen, die in meinem Leben wichtig waren, kraft einer unerwünschten Annäherung kennengelernt. Er forderte mich auf, gerade deswegen sofort zu unterschreiben.“

a) Peter Schneider in: Rebellion und Wahn
b) Günter Wallraff in: 13 Unerwünschte Annäherungen
c) Martin Walser in: Meine Lebensreisen

Gewinner: N. Held

 

7. Dezember, Frage 6

Wo "ragen" die genannten Tanten?

„In jede Kindheit ragten damals noch die Tanten, die ihr Haus nicht mehr verließen, die immer, wenn wir mit mit der Mutter zu Besuch erschienen, auf uns gewartet hatten, immer unter dem gleichen schwarzen Häubchen und im gleichen Seidenkleide, aus dem gleichen Lehnstuhl, vom gleichen Erkerfenster uns willkommen hießen. Wie Feen, die ein ganzes Tal durchwirken, ohne noch je darein hinabzusteigen, durchwalteten sie ganze Straßenzüge, ohne jemals in ihnen zu erscheinen.“

in:
a) Die Tante Jolesch oder der Untergang des Abendlandes in Anekdoten von Friedrich Torberg
b) Berliner Kindheit um neunzehnhundert von Walter Benjamin
c) Tantengeschichten von Ludwig Thoma

Gewinnerin: M Bucher

 

6. Dezember, Frage 5

Welcher europäische Schriftsteller formuliert in seinen Erinnerungen an Berlin folgende Gedanken?

"Ich verstand damals, dass Berlin eine Stadt ohnegleichen ist, weil man quer durch die urbane Landschaft die gesamte Vergangenheit unserer Zeit wie in geologischen Querschnitten entziffern und ihre verschiedenen Schichten bestimmen kann - das kaiserliche Berlin, das wilhelminische Berlin, das Nazi-Berlin, das Berlin der Alliierten, das rote, kommunistische Berlin -, Strata, die nebeneinander bestehen, sich verbinden, zu etwas für die Geschichte des zwanzigsten Jarhunderts Einzigartigem verschmelzen. Für mich gab es hier eine Art Erinnerungswunder, ein zerbrechliches freilich, das es um jeden Preis zu bewahren galt. Wenn die Planer und Architekten des neuen Berlin ihre Verantwortung gegenüber der Geschichte erfüllen wollten, dachte ich, dann dürften sie nicht daran rühren, sondern müssten, im Gegenteil, im Mittelpunkt der Stadt eine Leere bewahren, ein Loch, das ich bei mir das <Gedächtnisloch> nenne."

a) Claude Lanzmann (in: Der Patagonische Hase)
b) Helmut Kohl (in: Erinnerungen eines Europäers)
c) Cees Nooteboom (in: Berliner Notizen)

Gewinnerin: R. Schubert

 

5. Dezember, Frage 4

Von wessen Wirkung ist hier die Rede?

„Ich weiß nicht, was er an diesem Abend meiner frühesten Begegnung mit ihm sprach. Hunderte Vorlesungen, die ich später hörte, haben sich darübergelegt. Vielleicht habe ich es auch damals nicht gewußt, weil mich das Publikum so sehr in Anspruch nahm, das ich fürchtete. Ihn selbst sah ich schlecht, ein Gesicht, das sich nach unten hin verjüngte, ein Gesicht so beweglich, daß es auf nichts festzulegen war, eindringlich und fremdartig, wie das eines Tieres, aber ein neues, anderes, keines, das man kannte. Fassungslos war ich über die Steigerungen, deren diese Stimme fähig war, der Saal war sehr groß, aber es war dann ein Beben in ihr, das sich dem ganzen Saal mitteilte. Stühle wie Menschen schienen unter diesem Beben nachzugeben, es hätte mich nicht gewundert, wenn die Stühle sich gebogen hätten.“

von
a) Sigmund Freud (in Stefan Zweig: Die Welt von Gestern)
b) Karl Kraus (in: Elias Canetti: Die Fackel im Ohr)
c) Karl Valentin (in: Oskar Maria Graf: Gelächter von oben)

Gewinnerin: R. Möller

4. Dezember, Frage 3

In welchem autobiografischen Roman erleben zwei Kinder folgende eigenartige Tage?

"Die letzten Tage, die Anna und Max in der Schule verbrachten, waren sehr seltsam. Da sie niemanden von ihrer Abreise erzählen durften, vergaßen sie es während der Schulstunden selbst immer wieder. Anna freute sich, als sie eine Rolle in einem Stück bekam, das in der Schule aufgeführt werden sollte, und es fiel ihr erst später ein, dass sie in Wirklichkeit nie darin auftreten würde. Max nahm die Einladung zu einer Geburtstagsgesellschaft an, an der er nie würde teilnehmen können."

in
a) Im Spinnennetz. Die Geschichte von Max und Anna von Klaus Kordon
b) Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß von Manja Präkels
c) Als Hitler das rosa Kaninchen stahl von Judith Kerr

Gewinner: F. Zweynert

 

3. Dezember, Frage 2

Welcher Schweizer Schriftsteller beschreibt hier den Ausbruch seiner Leseleidenschaft?

„Ich las jetzt Bücher für Erwachsene. Ich las und las. Ich saß auf dem Felsen in La Rösa und las. Ich hockte auf dem warmen Granit des Fensterbretts, unter mir der Bach. Las. Ich las auf dem Bett liegend.Ich las sogar auf dem Kirschbaum, wo ich einen bequemen Sitz hatte, eine Astgabel, die beinah auf der Höhe meiner Mansarde war. Ich las im Fauteuil des Wohnzimmers sitzend, während meine Mutter auf mich einredete. Im Kaffeehaus, eine Schale Gold trinkend. (Einen entsetzlichen, heute ausgestorbenen Milchkaffee.) Am meisten aber las ich in der Schule, unter der Bank (Chemie, Naturkunde) oder auch offen auf ihr, weil Herr Doktor Bäschlin (Deutsch, Englisch, Geschichte) ja nicht mehr mit mir sprach und wohl froh war, dass ich wenigstens den Mund hielt.“

a) Urs Widmer in: Reise an den Rand des Universums
b) Peter Bichsel in: Wo wir wohnen
c) Urs Wehrli in: Aufräumen und Lesen

Gewinnerin: J. Sellenk

 

Samstag, den 1. Dezember, Frage 1:

Welcher französische Autor stellt seinen Memoiren folgenden Absatz voran?

„Freund der Wahrheit, fürchte dich nicht, dies zu lesen! Weder wirst du durch Flitter betrogen, noch über die Tatsachen getäuscht werden. Romane, deren wahrhafte Fundamente das Phantasieren doch nie ausschlossen, habe ich genug geschrieben. Nun dürstet es mich nach der reinen Wahrheit, und die werde ich dir vorlegen, denn nur durch sie kann dieses Werk von Nutzen sein.“

a) Étienne de la Boétie: Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft
b) Breton de la Chrétienne: Mein Herz so bloß
c) Rétif de la Bretonne: Monsieur Nicolas oder das enthüllte Menschenherz

Gewinnerin: R. Buckendahl